"Hartwig Reinboth malt Autos. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches.
Das tun schon ganz kleine Jungs. Hartwig Reinboth aber malt nicht die
schnellen, starken und nagelneuen Traumautos, er wendet sich dem
anderen Ende eines Autolebens zu: Er malt den Schrott, der am Unfall-
ort verbleibt.
Genauer: Er übermalt und verfremdet riesig groß gezogene Reportage-
bilder aus der Zeitung. Da stehen sie nun, nachdem alle Dynamik in
Zerstörungskraft umgewandelt ist, da liegen sie, wie von einer Natur-
gewalt hingeworfen. Die Türen stehen offen, die Motorhauben fehlen:
Alles deutet darauf hin, wie furchtbar, schnell und aufregend eben
noch alles war. Aber das ist vorbei. Nichts regt sich mehr. Einzelne
Menschen stehen betroffen und schemenhaft daneben, sie sind Zu-
schauer der Zerstörung außerhalb von Zeit und Ort. Keine der zeitungs-
typischen W-Fragen wird beantwortet: Wer wann was womit und wie?
Alles Individuelle ist aus den Bildern herausgenommen, Und so werden
sie zu überhöhten, typisierten Monumenten, die nur zum Teil durch den
Unfall, zum Teil durch die Hand des Malers völlig aufgebrochen ist.
So stehen sie nun, in starken und intensiven Farben gemalt, in einer
öden, surreal wirkenden Un-Landschaft, zum Teil in zartes Grün einge-
bettet, zum Teil mit einer aus ihnen heraus sich ergießenden Farbkas-
kade. Dem statischen Endzustand eines Autos steht die Dynamik der
Farbe und der Malerei gegenüber: Hier herrschen Intensität, starke
Kontraste, hier verlaufen Klekse und Farbflecke, werden die vielleicht
im Pressefoto noch vorhandenen Individualitäten mit kräftigem Pinsel-
strich weggemalt. Über das Motiv verteilte Farbpunkte, die an Raster-
punkte erinnern, verstärken den medialen Eindruck: Das sind keine
wirklichen Autos, das sind übermalte und bis zur Unkenntlichkeit ver-
fremdete, riesengroß vergrößerte Zeitungsfotos von gescheiterten
Ideen der Mobilität, der Lebensart und des Fortschritts.
Das mit Unfällen verbundene menschliche Elend fehlt auf den Bildern
ganz. Da fließt kein Blut, da weint niemand, keiner liegt zusammenge-
brochen am Straßenrand. In keiner Weise wird Sensationsgier befrie-
digt. Menschliche Gestalten kommen höchstens hin und wieder am
Rande der Bilder als entpersönlichte Betrachter des gewaltsamen En-
des einer automobilen Karriere vor, das sie ohne Emotion registrieren,
Mehr nicht.
Die isolierten Wracks verweisen in der verfremdeten Form trotz des
Ursprungs der Bilder aus der Reportage auf das Paradigmatische dieser
zu Blechknäuel verformten High-Tech-Geräte: die Sinn-, Nutz- und
Aussichtslosigkeit einer immer weitergehenden apparativen Aufrüstung
unseres Alltags. Es hat sich dadurch nichts geändert: Mitten im Leben
sind wir vom Tod umgeben."